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Historischer Ansatz

Inhaltlicher Ansatz Festival TANZherbst

Ein Jahrhundert ist zu Ende gegangen und immer größer wird der Abstand zum Lebenswerk derjenigen, die ihm seinen Stempel aufdrückten. Eine herausragende Persönlichkeit des Dresdner Kulturlebens im zwanzigsten Jahrhundert war die Tänzerin und Choreografin Mary Wigman.
Geboren 1886 in Hannover, starb sie 1973 in Westberlin als Begründerin und wichtigste Vertreterin des Deutschen Ausdruckstanzes. Ihr kommt die Ehre zu, das kulturkritische Gedankengut ihrer Zeit tanzästhetisch aufbereitet und in die Welt hinausgetragen zu haben. Körperkultur, Ganzheitlichkeit, Rhythmus und weibliche Emanzipation sind nur einige Schlagworte, die den Aufbruch des Tanzes in Abgrenzung des vom als "Drill" empfundenen klassischen Ballett begleiteten.

Wie stark der Eindruck auf die Zeitgenossen gewesen sein muß, ist 1921 in einer Rezension von Mary Wigmans Soloabenden in den Dresdner Nachrichten nachzulesen. Dem Verfasser schien, "daß mit Mary Wigmans Tanz ein Wunder Erlebnis geworden ist. Sie hat dem menschlichen Körper seine ureigenste Sprache wiedergegeben, die niemand mehr zu sprechen und zu verstehen wußte... Man gehe hin und lerne."

Wigman hatte es 1920 wieder nach Dresden verschlagen, wo sie ein Jahrzehnt früher bei Jaques Dalcroze ihre Ausbildung begonnen hatte. In einer Villa auf der Bautzner Straße 107 gründete sie eine eigene Tanzschule, die zum größten Lehrinstitut für freien Tanz in Deutschland werden sollte. Allein in Dresden wurden bis 1942 mehrere hundert Schülerinnen ausgebildet, zu den Bekanntesten gehörten u.a. Gret Palucca und Hanya Holm.

Neben Fotos, Schriften, Lehrprogrammen und ganz wenigen Filmaufzeichnungen, die Mary Wigmans Arbeit für die Nachwelt dokumentierten, ist es der künstlerischen Tätigkeit ihrer Schülerinnen zu verdanken, dass die Idee vom Ausdruckstanz über schwierige Zeitenwenden hinweg lebendig geblieben ist. Gerade durch die Kreativität dieser Frauen konnte der Tanz im letzten Drittel des Jahrhunderts als künstlerische Sprache seinen ganz eigenen Ausdruck finden und sich als innovative Kunstgattung behaupten.

Das Tanztheater der Pina Bausch, die Choreografien von Susanne Linke und Arila Siegert oder die vielen interessanten choreografischen Arbeiten junger Frauen, auch im grenzüberschreitenden Kontext, wären ohne Mary Wigman und das Wirken ihrer Schülerinnen undenkbar.

Das Festival TANZherbst wurde von tristan production 1998 zum ersten Mal durchgeführt und entwickelte sich für Dresden zu einer wichtigen, alljährlich stattfindenden Veranstaltungsreihe von zunehmend überregionaler Bedeutung. TANZherbst beschäftigt sich mit den Traditionen des Ausdruckstanzes und dem heutigen choreografischen und tänzerischen Schaffen von Frauen und soll neben dem beständigen Stamm tanzinteressierter Dresdner auch neue Publikumskreise für diese Kunstgattung gewinnen.

Anlass zur Ausrichtung des ersten Festivals war 1998 der 25. Todestag von Mary Wigman. In Dresden befindet sich das Gebäude ihrer ehemaligen Schule, heute bekannt als kleine szene, Spielstätte der Semperoper. Mit der Sächsischen Staatsoper Dresden als Partner wurde das Festival hauptsächlich in der kleinen szene angesiedelt.

Neben der Ehrung für eine der "Urmütter" des Ausdruckstanzes beschäftigen uns im Zusammenhang mit TANZherbst Fragen nach heutigen Formen des Tanzes, und dem, was Frauen heute mit Tanz ausdrücken. Die Zeitgenossen von Mary Wigman beschreiben die Besonderheit ihres Tanzes vor allem damit, daß in ihren Tänzen die Persönlichkeit der Tänzerin in den Vordergrund gestellt wurde.

Uns interessiert die Frage, wie verschiedene Choreografinnen heute mit diesem Ansatz arbeiten und welche unterschiedlichen Handschriften dabei entstehen. Wichtig ist uns hierbei auch der Dialog zwischen der typisch Dresdner Tradition des Solotanzes einerseits und der Weiterentwicklung der Tradition des Ausdruckstanzes weltweit.

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